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Ferdinand von Schirach begeht den nächsten Tabubruch

von Schirach - TabuFerdinand von Schirach ist ein Autor, der uns Fälle des Justizwesens mit anderen Augen sehen lässt. Seine Fallsammlungen „Schuld“ und „Verbrechen“ machten deutlich, dass es dem angesehenen Strafverteidiger gar nicht einmal um die Fälle selbst, sondern um die Menschen, die Taten begehen, geht. Ob ein Mensch sich im Sinn des Gesetzes schuldig macht oder nicht, kann schon mal von einer einzigen falschen Entscheidung abhängen. Ob er dann letztendlich auch vom Gericht diese Schuld zugesprochen bekommt, hängt wieder an ganz anderen Sachen. Der Jurist von Schirach hat das in Jahrzehnten seines Berufsalltags aus nächster Nähe erlebt, der Schriftsteller von Schirach vermittelt es seinen Lesern, übrigens auch in seinem neuen Roman „Tabu.

Romanautor, der den Blick für das Reale stets aufrechthält

Wer schon einmal ein Werk von Ferdinand von Schirach gelesen hat, weiß, dass der Autor stets trocken agiert und mit seinen Zeilen dennoch einen großen Spannungsfaktor aufbaut. So ist es auch bei seinem zweiten Roman. Stand bei „Der Fall Collini“ noch ein Rachemord im Vordergrund, geht es nun um einen, bei dem die Leiche fehlt. Hauptprotagonist Sebastian von Eschburg ist ein renommierter Fotograf, der im Kindesalter von der Mutter wenig geliebt und vom Vater durch dessen Suizid traumatisiert wurde. Der Angeklagte ist ein wirklich sonderbarer Mensch, der in Farben denkt und einen ungewöhnlichen Umgang mit der Sexualität besitzt. Er soll eine Frau umgebracht und das im Polizeiverhör gestanden haben. Schon bevor Verteidiger Konrad Biegler den Fall übernimmt, wird das für uns sehr brisante Thema Folter problematisiert.

Der Schein trügt

Die Frage nach Wahrheit und Wirklichkeit ist eine, die uns Menschen stetig in neuen Facetten begegnet. Ein mysteriöser Anruf, Blutspuren im Wagen des Angeklagten und seine erkennbare Obsession für ein weibliches Geschöpf zeigen von Eschburg in der Tat als möglichen Mörder. Dass er lange kaum etwas zur Aufklärung beitragen möchte und im Verhör den Mord gesteht, macht die Sache für Biegler nicht einfacher. Letzteres aber fällt schon mal aus der Problemreihe heraus, da das Geständnis im Verfahrensverlauf als unverwertbar eingestuft wird und der Autor die Problematik gleichzeitig dazu nutzt, um einen ethischen Zwiespalt unserer Gesellschaft zu thematisieren. Dass dann auch die vermeintlich Getötete wohlauf ist und sie der gesuchten Person, deren Bilder die Wohnung von Eschburgs zierten, nur im Entferntesten ähnelt, macht den zweiten Aspekt des Werkes auf. Wann ist etwas Wahrheit und wann ist es nicht wahr, erscheint uns aber als Wirklichkeit?

8 Oct
Diskussion Ein Kommentar
  1. Wie ein Prozess ein Leben zerstören kann « eBook-Welt schrieb am 22.10.2013:

    […] in exakt diesem Blog über ein Werk sprach, welches unser deutsches Rechtswesen thematisierte. Ferdinand von Schirach ist der Autor des 21. Jahrhunderts, der uns die Tücken der Justiz in immer wieder neuen Facetten […]

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