eBook-Welt

Ein Modell namens „Andorra“

Worauf achten wir Menschen? Was glauben wir, was nehmen wir uns zur Brust und nach welchen Regeln agieren wir? Ich denke, dass es im Mittelalter am verheerendsten war, doch auch heute noch handeln wir mehr nach dem, was wir hören als dem, was wir mit eigenen Augen sehen. Anders lassen sich Hetzkampagnen nicht erklären und seien wir mal ehrlich, ein Prominenter ist erledigt, wenn mit seinem Namen irgendwelche schmutzige Wäsche gewaschen wird, selbst wenn diese Wäsche auf nichts als Lügen und Vermutungen aufbaut. Max Frisch, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, hat diesen Makel in der menschlichen Genetik erkannt und ihm mit „Andorra“ ein eigens konzipiertes Werk gewidmet.

Es ist die Geschichte des jungen Andri, dem bereits in jungen Jahren eingetrichtert wird, dass er ein Jude sei und von weither gebracht wurde. Er bekommt nicht die Lehre als Tischler und das, obwohl er talentiert ist. Nein, sein Chef möchte ihn lieber in der Buchhaltung sehen. Auch alle anderen, ein Wirt, ein Arzt, ein Pfarrer und das geschwätzige Volk sehen ihn als das, was man sagt, was er ist – ein Jude. Als sein Vater die Welt von der Wahrheit überzeugen möchte, nämlich, dass Andri sein leiblicher und eben nicht adoptierter Sohn ist, hat das Geschehen bereits seinen Lauf genommen. Denn selbst Andri hat seine Rolle, die ihm auferlegt wurde, nun erkannt und so kann das Stück nur mit seinem Tod enden. „Andorra“ ist ein tolles Bühnenstück und ein zeitloses Modell für die menschlichen Abgründe.

15 Jun
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